Musik spielen oder Sport treiben? Wer Kindern ihren freien Willen lässt, fördert die Leidenschaft: http://ow.ly/14K9z /via Alltagsforschung

Offen oder geschlossen? Über die richtige Computerphilosophie (Linktipp 45)
“Die Open-Source-Bewegung hat noch nie einen echten Innovations-Durchbruch hingekriegt.”
http://j.mp/9ghuix #Netzwertig

Keine Steuer auf Kapitaleinkommen? (Linktipp 44)
Die Besteuerung von Kapitaleinkommen ist ungerecht, sagt der Ökonom Steve Landsburg, und erklärt warum: http://j.mp/cppqlE

Reichtum scheidet: Warum heute mehr Ehen als je zuvor auseinander gehen
Der Wohlstand macht die Liebe möglich. Vor der Industrialisierung war die Gemeinschaft von Mann und Frau vor allem eine Zweckgemeinschaft gewesen. Ob man heiratete oder ledig blieb, bestimmte die eigene Lebenserwartung: Wer in einer Ehe lebte, wurde bei Krankheit vom Partner gepflegt (Krankenversicherung und Krankenhäuser gab es nicht), und wer Kinder groß zog, konnte sich darauf verlassen, von ihnen versorgt zu werden, wenn im Alter die harte Arbeit auf dem Feld ihren Tribut zollte (eine Rentenversicherung gab es ebenfalls nicht).
Diese Gemeinschaft zu verlassen, war undenkbar, außerhalb der Familie ein Überleben kaum möglich.
Es ist kein Zufall, dass die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik mit der Industrialisierung entstand. Die Menschen zogen in Städte und nahmen Arbeiten an, die ihnen (wenn auch im Vergleich zu heute sehr wenig) Freizeit bescherte. Manche verdienten sogar mehr als zum täglichen Überleben nötig war. Gefühl, Leidenschaft, Individualität – die Grundthemen der Romantik konnten erst aus diesem neuen Leben heraus entstehen.
Der Wohlstand macht die Trennung möglich. Noch im Jahr 1900 lag die Scheidungsrate in Deutschland bei 1,9 Prozent. Auf 476.491 Eheschließungen kamen 9.152 Scheidungen. Bis zum Jahr 2000 stieg sie auf 46,4 Prozent. Heute hat sie die 50-Prozent-Marke überschritten.
Der Wohlstand vereint Liebende – und trennt Entliebte. Weil die Nachteile einer Trennung stetig kleiner werden.
Wir sind mobiler geworden und können uns deshalb nach einer Scheidung an einem anderen Ort niederlassen – etwa um dort einen neuen Job zu beginnen. Wir sind reicher geworden und können uns nach einer Trennung zwei Haushalte leisten. Und wir sind freier geworden, weil der technische Fortschritt die Notwendigkeit einer arbeitsteiligen Lebensgemeinschaft weitgehend überflüssig gemacht hat. Denn wir kaufen heute die Marmelade im Supermarkt, anstatt sie selbst herzustellen; wir waschen mit Waschmaschinen und bringen unsere Hemden in die Reinigung, anstatt sie mühsam auf einem Waschbrett zu schrubben; wir versammeln unsere Kinder in Kindertagesstätten, anstatt sich den ganzen Tag selbst um sie zu kümmern.
Die gesellschaftliche Arbeitsteilung hat die Vorteile arbeitsteiliger Familiengemeinschaften weitgehend abgelöst.
Es gibt nicht wenige, die bedauern den Anstieg der Scheidungsrate. Man kann es aber auch anders sehen: Je reicher wir werden, desto stärker gibt es nur einen einzigen relevanten Grund in einer Lebensgemeinschaft zu bleiben: die Liebe.
Ganz stimmt das allerdings nicht. Auch heute noch ist es nicht immer die Liebe, die zusammen hält. Paare können auch aus anderen Gründen von ihrer Beziehung profitieren. In der Warenwelt kennt man das Phänomen der komplementären Güter. Solche Produkte stehen nicht in Konkurrenz zueinander, im Gegenteil, sie ergänzen sich. Steigt die Nachfrage nach dem einen Gut, nimmt auch die Nachfrage nach dem anderen zu. Nur gemeinsam haben solche Güter einen hohen Wert. Hillary und Bill Clinton sind das Paradebeispiel für eine komplementäre Beziehung. Bill konnte nur mit einer vorzeigbaren Frau Präsident werden, Hillary wäre heute nicht Außenministerin, hätte sie sich nach der Lewinsky-Affäre von ihrem Mann scheiden lassen.
Hillary Clinton übrigens ist in gewisser Weise untypisch. Frauen nämlich sind es, die in der Mehrzahl auf die Scheidung drängen: In Deutschland wurden 2008 von den 104.000 Scheidungsanträgen 54,2 Prozent von Frauen eingereicht, nur 37,2 Prozent von Männern. (In den übrigen Fällen beantragten beide Ehegatten die Scheidung.) Und eine ökonomische Studie der Universität Melbourne zeigt, dass Trennungen sogar vorhersehbar sind: Immer dann, wenn die Frau in der Beziehung unglücklicher ist als der Mann, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Scheidung bevorsteht.
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Dieser Text erscheint auch im Südkurier.

Warum geben wir Trinkgeld? (Linktipp 43)
40 Milliarden Dollar Trinkgeld pro Jahr: Zur Ökonomie einer verrückten Gewohnheit: http://j.mp/aLfp5J

Die Ökonomie der Evolution (Linktipp 42)
Warum wir altern: Über den Trade-Off zwischen Altern und Reproduktion. http://ow.ly/123sJ #WorkingPaper #Max-Planck-Institut

Heilsbringer oder Totengräber? (Linktipp 41)
Rettet Apples iPad die Medienbranche? http://j.mp/a8cye5 #Wired

Ladet keine Ökonomen an den Hochzeitstisch! Eine tendenziell unromantische Betrachtung über das Monopol der Ehe
Ökonomen fallen auf Hochzeiten manchmal unangenehm auf. Wenn sie ihre Gedanken nicht für sich behalten können. Die gute Stimmung auf der Feier kann dann schnell in den Keller rauschen. Denn manche Ökonomen neigen dazu, in allem einen Markt zu sehen. Nicht nur Börsen oder der Austausch von Waren finden ihr Interesse, sondern das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen.
Das Liebesleben ist eine besondere Herausforderung für diese Ökonomen. Weil dort auf den ersten Blick kein Markt zu sehen ist, keine rational handelnden Akteure. Weil bei der Liebe doch vermeintlich die Emotionen überwiegen, die Liebe den Verstand ausschaltet. Aber diese Ökonomen lassen gerne die Luft aus schmachtenden Worten und geseufzten Versprechen. Sie sehen im Menschen den abwägenden Rationalisten, der jede Entscheidung zu seinem Vorteil trifft. Der aber dabei auch Verluste in Kauf nehmen muss, weil wer das eine tut, oft das andere lassen muss.
Opportunitätskosten nennen Ökonomen dies, wenn einem was entgeht, weil man sich für etwas anderes entschieden hat.
Sie, der Sie gerade hier lesen, könnten stattdessen die welken Blumen im Wohnzimmer gießen, mit der Büroarbeit beginnen oder aus dem Zugfenster schauen und die vorbeirauschende Landschaft beobachten. Sie haben sich aber dafür entschieden, diesen Text zu lesen. Das erhöht ihre Opportunitätskosten, mit jeder Textzeile. Freilich, man muss so nicht denken. Ökonomen denken so.
Treffen sich zwei Volkswirte auf der Straße. Fragt der eine: „Wie geht es deiner Frau?“ Antwortet der andere: „Im Verhältnis zu wem?“ Das soll ein Witz sein. Aber eigentlich ist es keiner. Solche Ökonomen jedenfalls sehen auf Hochzeiten nicht ein selig zum Altar schreitendes Brautpaar, sondern zwei zufriedene Menschen, die genug davon haben, nach einem/einer Besseren Ausschau zu halten. Sie hören kaum zu, wenn die Findungsgeschichte der beiden Liebenden erzählt wird, welche vermeintlichen Zufälle geschehen mussten, damit das Paar letztlich zusammen kam, ja zusammenkommen musste, weil sie ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind.
Für diese Ökonomen ist die Seelenverwandtschaftsgeschichte schlicht Selbstbetrug, der verschleiert, dass auch vor dieser Hochzeitsfeier die Brautleute die Vor- und Nachteile einer Eheschließung genauestens abgewogen haben, und zwar jeder für sich, ganz im Stillen. Und vielleicht hat gar nicht viel gefehlt und der Konditor hätte eine Hochzeitstorte weniger verkauft.
Wie gesagt, diese Ökonomen hören bei der Geschichte kaum zu. Sie wundern sich derweil vielmehr, wie es möglich ist, dass gerade jener Tag zum Freudenfest ausgerufen wird, an dem zwei Menschen einen Vertrag unterschreiben, der die Dinge für den Fall regelt, dass sie sich einmal nicht mehr lieben werden, dass sie sich vielleicht sogar hassen, zumindest keine Lust mehr auf ein weiteres Zusammenleben haben – vielleicht weil einem der beiden doch noch jemand Besseres über den Weg gelaufen ist.
Die ökonomische Betrachtung des Liebeslebens beginnt nicht erst bei der Hochzeit. Die Partnersuche ist ein weites Forschungsfeld. So haben zum Beispiel drei Wissenschaftler die Lebensläufe von 21.840 Dänen untersucht und festgestellt, dass der Beziehungsstatus den Lebensraum vorgibt: Dänische Singles zieht es in Städte wie Aarhus oder Kopenhagen, wer verheiratet ist, geht zurück aufs Land.
Der Mensch ist eben auch bei der Partnersuche ganz Ökonom: In der Stadt sind die „Suchkosten“ wegen des großen Angebots möglicher Partner erheblich geringer. Die Stadt als perfekter Heiratsmarkt.
Und wie lange suchen wir? Wann und warum entscheiden wir, nun bei einem Partner zu bleiben, vielleicht mit ihm Kinder zu bekommen, mit ihm alt zu werden. „Na, bis der/die Richtige gekommen ist“, sagen die Seelenverwandtschaftsanhänger. „Bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen”, ökonomisiert der Ökonom.
Aber woher soll man wissen, was an „möglichen Zugewinnen“ noch kommen wird? Mit der 37-Prozent-Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Wer die ersten 37 Prozent der zur Verfügung stehenden Partner testet und danach den ersten nimmt, der besser ist als die zuvor getesteten, erwischt mit hoher Wahrscheinlichkeit den besten oder zweitbesten.
Aber man kennt doch nie alle möglichen Partner? Also weiß man auch nicht, wie viele man testen soll. Das stimmt. Hier hilft die Empirie. Sie rät: Testen sie zwölf potenzielle Partner!
Und danach wird geheiratet? Genau! Warum gleich noch mal? Ach ja, wegen der Liebe. Oder wegen des Vertrags. Vielleicht sind Ökonomen auf Hochzeiten auch deswegen nicht so gern gesehen, weil sie dort tendenziell missmutig sind. Denn ökonomisch gesehen ist die Ehe eine Katastrophe. Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Ehe schließt jeden Wettbewerb aus. Man käme nie auf die Idee, in einem Geschäft einen Vertrag zu unterschreiben, der verpflichtet, den Rest des Lebens nur noch dort einzukaufen. Beim Ehevertrag macht man dies. Dass auch andere Mütter schöne Töchter und Söhne haben, soll in Zukunft ignoriert werden. Man marschiert freiwillig ins Monopol der Ehe hinein. Warum? Weil auch Eheleute Ökonomen sind! Eine solche freiwillige Selbstbeschränkung hat nämlich zwei Vorteile:
- Das Versprechen sich nicht zu trennen, fördert den Aufbau partnerspezifischer Investitionen. Man gibt sich Mühe, den anderen kennen zu lernen, richtet vielleicht eine gemeinsame Wohnung ein, bekommt ein Kind. Die durch einen Ehevertrag geschaffene höhere Sicherheit des Zusammenbleibens, macht solche Investitionen lohnenswerter. Im Arbeitsleben, wo solche Bindungsverträge verboten sind, entsteht das „hold up“-Problem: Bildungsinvestitionen bleiben aus, wenn der Arbeitgeber fürchten muss, dass sich seine Angestellten mit dem neu erworbenen Wissen aus dem Staub machen und bei der Konkurrenz anheuern.
- Der Vertrag trennt die „guten“ von den „schlechten“ Partnern. Die Ehe selektiert. Wer es nicht ernst meint, wer sich nicht langfristig binden will, wird nicht heiraten, zumindest dann nicht, wenn ihm eine Trennung teuer zu stehen kommt. Eine Heirat ist also der ultimative Test, ob die Liebesschwüre heiße Luft sind oder der Partner wirklich bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Man könnte auch sagen: Wer heiratet, der traut dem Partner nicht, der will auf Nummer sicher gehen. Aber so was sagen nur Ökonomen.
Was Ökonomen übrigens auch sagen: Heiraten Sie! Unbedingt! Denn auch das haben Ökonomen herausgefunden: Wer heiratet, wird im Vergleich zu Singles glücklicher, reicher und bleibt gesünder.
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Dieser Artikel erscheint auch im Südkurier.

Keynes und Hayeck in New York (Linktipp 40)
#Keynes and #Hayeck meets HipHop. Don’t miss it! @econstories.tv http://ow.ly/10Vo0

“Google ist euer Freund!” (Linktipp 39)
“Google ist ein Freund der Verlage, nicht ihr Feind.” – Jeff Jarvis-Interview beim #Netzoekonom: http://ow.ly/1065r

CCC – Creative Cola Commons (Linktipp 38)
Open Cola – Das Cola-Wissen ist nicht mehr Geheimnis einzelner Konzerne: http://ow.ly/ZSBh #keimform

Diktatoren hassen Dauerregen (Linktipp 37)
Geringere Einkommen, mehr Demokratie: Negative Schocks gefährden Diktaturen, belegen zwei Wissenschaftler der Madrider Uni: http://ow.ly/ZSpj #WorkingPaper

Armes Fußball-England (Linktipp 36)
Warum #England ständig verliert: http://j.mp/8jh4AD #Fußball #Weltmeisterschaft #WirtschaftlicheFreiheit

Wer hat Recht: Börsennotizbuch oder Pixelökonom?
Der Euro als Gewinner der Wirtschaftskrise? Das Börsennotizbuch ist mit meiner gestrigen These nicht wirklich einverstanden. Die lesenswerte Replikt findet sich hier.

Der bessere Dollar: Wie der Euro zum Gewinner der Weltwirtschaftskrise wird
Als John Maynard Keynes einmal das Geschehen an der Börse erklären sollte, warum dort regelmäßig Spekulationsblasen entstehen, da beschrieb der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts diese Übertreibungen mit der Geschichte vom Seite-1-Mädchen.
Die Leser einer Boulevardzeitung waren aufgefordert worden das schönste Pin-Up-Girl zu küren. Jeder Einsender konnte eine Stimme abgeben. Am Ende sollte unter denjenigen, welche die Siegerin angegeben hatten, ein Preis ausgelost werden. Was passierte? Die Teilnehmer urteilten nicht nach ihrem Geschmack, sondern danach, was sie glaubten, was der Mehrheit gefällt. Nur so hatte man ja eine Chance auf den Preis. Das Ergebnis: Es gewann nicht das attraktivste Model, sondern jenes, von der die meisten glaubten, dass es die meisten für besonders attraktiv halten.
Ganz schön vertrackt also. Wie an der Börse eben.
Dort kaufen die Händler auch nicht jene Wertpapiere, die sie selbst für am gewinnträchtigsten halten, sondern jene, von denen sie glauben, dass sie bald von vielen gekauft werden. Denn nur dann wird der Preis des Wertpapiers steigen, nur dann lassen sich hohe Gewinne einstreichen.
Ein solcher Herdentrieb hatte die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst, nämlich in Form von Spekulationen am amerikanischen Immobilienmarkt. Und es ist die US-Notenbank „Federal Reserve“ (Fed), die scharf dafür kritisiert wird, dem Treiben nicht frühzeitig entgegengewirkt zu haben. Die Notenbanker glaubten, die Situation im Griff zu haben.
Es hatte ja schon einmal funktioniert: beim Platzen der New-Economy-Blase im Frühjahr 2000. Unter Alan Greenspan senkte die Fed damals die Zinsen drastisch. Geld wurde billig, Kredite günstig, eine Konjunkturkrise vermieden. Oder genauer gesagt: verschoben. Denn das billige Geld wollte erneut angelegt werden. Es entstanden neue Blasen.
Die Situation vor der aktuellen Krise aber hatte sich verschärft. Der Spielraum der Fed war im Vergleich zum Jahr 2000 geringer geworden. Die expansive Geldpolitik der Vorjahre hatte das Weltzinsniveau kontinuierlich nach unten gedrückt. Drastische Zinssenkungen zur Belebung der Konjunktur waren nicht mehr möglich.
Mittlerweile ist das Pulver ganz verschossen. Der so genannte Leitzins der Fed liegt zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Eigentümer der Dollarnoten verschenken ihr Geld.
Wie es so weit kommen konnte? Die Fed verfolgt neben dem Ziel der Preisniveaustabilität ein weiteres, nämlich die Stützung der Konjunktur. Dabei entstehen regelmäßig Zielkonflikte: Billiges Geld kann kurzfristig der Konjunktur helfen, aber langfristig zu Inflation führen.
Hinzu kommt: Die Methode, mit der die Fed versucht das Preisniveau zu beeinflussen, ist umstritten. Die Notenbank sympathisiert mit dem so genannten Inflation Targeting. Dabei geben verschiedene Wirtschaftsindikatoren der Fed Hinweise auf Preisniveau-Änderungen. Aufgrund dieses Indikatorenbündels hebt oder senkt die US-amerikanische Notenbank ihren Leitzins.
Der Fed wird nun vorgeworfen, bei der Beobachtung diverser Wirtschaftsindikatoren die Preisentwicklung auf Vermögensmärkten – wie dem Immobilienmarkt – unterschätzt zu haben. Die Tatsache, dass trotz billigen Geldes die Kosumentenpreise weitgehend stabil geblieben waren, wurde als ausreichendes Indiz für die Stabilität der Volkswirtschaft gesehen. Das war ein Irrtum.
Was die Fed falsch, das hat die Europäische Zentralbank (EZB) richtig gemacht. Die Notenbank für den Euro ist, im Gegensatz zur US-amerikanische Notenbank, vorrangig dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet. Für sie ist es deshalb einfacher, sich einer expansiven Geldpolitik zur vermeintlichen Rettung der Konjunktur zu verweigern. Zudem erlebt aktuell die von vielen bereits als altmodisch abgestempelte so genannte Geldmengensteuerung der EZB eine Renaissance.
Anders als beim Inflation Targeting wird bei der Geldmengensteuerung zunächst ein Zwischenziel formuliert, nämlich ein Geldmengenziel. Die Geldmenge lässt sich, anders als das Preisniveau, von der Notenbank relativ zuverlässig steuern. Und die Geldmenge wiederum wirkt sich recht konkret auf das Preisniveau aus.
Der Vorteil einer solchen Zwischenschritt-Lösung: Sie erhöht die Nachvollziehbarkeit der Geldpolitik. Denn während beim Inflation Targeting im Grunde jede Leitzinsentscheidung mit der Veränderung einer der Indikatoren begründet werden kann, bindet sich beim Zwischenziel „Geldmenge“ eine Notenbank bei ihren Entscheidungen wesentlich an diesen einen Indikator.
Das Vertrauen in eine inflationsfreie Geldpolitik aber ist die wichtigste Voraussetzung für ein stabiles Preisniveau. Denn beim Geld herrscht das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer Inflation erwartet, der wird die Preise seiner Produkte frühzeitig anpassen, der wird bei Lohnverhandlungen einen Inflationsausgleich fordern, der wird die Miete erhöhen. Am Ende steigt das Preisniveau tatsächlich, aber nicht aufgrund der Geldpolitik, sondern wegen der Erwartungen der Menschen.
Die EZB hat solchen Erwartungen durch ihre umsichtige Politik bisher erfolgreich entgegen gewirkt. Allerdings: Noch ist die Wirtschaftskrise nicht vorüber. Auch die EZB hat das Geld drastisch verbilligt. Der Leitzins liegt aktuell bei einem Prozent. Das Jahr 2010 könnte zur größten Herausforderung der Europäischen Zentralbank werden. Die Frage ist nämlich: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, die aktuell lockere Geldpolitik zu beenden? Je länger die EZB-Banker in Frankfurt warten, desto größer werden die Inflationsrisiken und die Gefahren neuer Spekulationsblasen. Erhöhen sie den Leitzins dagegen zu früh, kann dies den beginnenden Aufschwung abwürgen.
Doch das Vertrauen, dass die EZB den richtigen Zeitpunkt findet, ist groß. Denn der Euroraum hat sich bewährt.
- Die Euro-Preise sind seit über zehn Jahren stabiler als sie zu DM-Zeiten je waren.
- Der durch die Euro-Einführung bedingte Wegfall von Wechselkursschwankungen innerhalb sowie größere Wechselkursstabilität gegenüber Dollar und Yen außerhalb Europas haben den deutschen Exportfirmen Planungssicherheit gegeben.
- Die ersten Studien zu den Folgen der Weltwirtschaftskrise zeigen, dass vor allem kleine Euroländer von der Währung profitiert haben. So waren beispielsweise die bereits zur Währungsunion beigetretenen Länder Slowenien und Slowakei weniger Turbulenzen ausgesetzt als ihre Nachbarn mit eigener Währung.
- Es gibt Indizien, die für eine stabilisierende Wirkung des Euros auf die Staatsfinanzen sprechen. Denn je mehr Länder beim Euro mitmachen, desto weniger Druck kann eine einzelne Regierung auf die EZB ausüben. Eine inflationäre Geldpolitik zur Reduzierung der realen Schulden eines Landes wird somit unwahrscheinlich. Dies könnte eine disziplinierende Wirkung auf die Politik haben.
Der starke Euro kratzt somit immer stärker an der ehemaligen alleinigen Leitwährung Dollar, dessen Aufstieg 1944 in dem kleinen amerikanischen Dörfchen Bretton Woods seinen Anfang nahm. Prominenter Teilnehmer damals: John Maynard Keynes. Keynes war Verhandlungsführer für England und es galt in Bretton Woods ein Weltwährungssystem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Keynes plädierte für eine liberale Lösung: Verbot aller Zölle und flexible Wechselkurse.
Doch so kam es nicht. Es setzte sich die aufstrebende Wirtschaftsmacht USA durch. Eingeführt wurde der so genannter Gold-Devisen-Standard, bei dem der Dollar das wichtigste Reservemedium wurde, denn nur für den Dollar gab es eine Einlöseverpflichtung in Gold. Alle anderen Währungen banden sich mit festem Wechselkurs an den Dollar.
Die USA war damit das einzige Land geworden, dass de facto selbst Liquidität durch Drucken neuer Dollarnoten schaffen konnte, wovon sie später zur Finanzierung des Vietnamkrieges auch reichlich Gebrauch machte, was das System letztlich auch zu Grunde richtete. Keynes, der 1946 starb, wäre darüber nicht erstaunt gewesen.
Keynes hatte, so schreibt Gerald Braunberger in seinem Buch „Keynes für jedermann – Die Renaissance des Krisenökonomen“ den USA von vornherein nicht zugetraut, die Führungsrolle verantwortungsbewusst wahrzunehmen. “Die Amerikaner haben keine Vorstellung von internationaler Kooperation”, schrieb er seinem Lieblingsschüler Richard Kahn. “Da sie die stärksten Partner sind, glauben sie, sie haben das Recht, in allen Punkten den Ton anzugeben. Wenn sie die Musik kennten, wäre das nicht so schlimm, aber leider haben sie keine Ahnung von der Musik.”
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Dieser Artikel erscheint auch im Südkurier.

Wie selbstlos sind wir? (Linktipp 35)
Warum spenden wir? Aus Altruismus? Nein. Wegen des Gruppenzwangs! http://j.mp/7h0lcP #FAZ

Weniger Sorgen um Kriminalität und Umweltprobleme (Linktipp 35)
Um Kriminalität und Umweltprobleme machen sich die Deutschen immer weniger Sorgen: http://ow.ly/XHCM #DIW #WorkingPaper

Produktiver durch Zufriedenheit (Linktipp 34)
Wer zufrieden ist, ist produktiver: http://bit.ly/7yvCFW #WorkingPaper

“Leider lesen amerikanische Ökonomen keine deutschen Texte” (Linktipp 33)
Starbatty kritisiert Stieglitz: Hätte er Eucken gelesen, wüsste er, wie man Finankrisen verhindert: http://bit.ly/6cHRSM #FAZ

“Ein Problem für die Demokratie” (Linktipp 32)
Schweizer Banken-Professor Birchler: «Grossbanken sind ein Problem für die Demokratie» – Interview in der NZZ: http://tinyurl.com/yef9gm9 / via Blicklog

Die Frau (ent)scheidet (Linktipp 31)
Ist die Ehefrau unglücklicher als der Ehemann, folgt die Scheidung: http://bit.ly/5vLKl4 #WorkingPaper #DeakinUniversityAustralia

Is it a Man’s World? (Linktipp 30)
Der perfekte Beifahrer: Warum sitzen Frauen häufiger als Männer neben statt hinter dem Lenkrad? http://bit.ly/6tcOHe #Freakonomics

Was macht einen Menschen zum Selbstmordattentäter?
Er stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, hatte in London studiert und dort in einer schicken Gegend gewohnt: Der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der am 25. Dezember bei Detroit ein Flugzeug zum Absturz bringen wollte, passt nur zum Teil in das vermeintliche Profil eines Attentäters. Er ist jung und männlich, aber auch gebildet und reich.
Selbstmordattentäter haben nichts zu verlieren, kommen aus ärmlichen Verhältnissen, ihnen fehlt der Zugang zu Bildung und sie sind daher für Manipulationen, wie etwa fanatisch-religiöse Ansichten, empfänglich. – So klingt eine Klischee-Vorstellung über Selbstmordattentäter. Wenig bis nichts davon stimmt.
Dabei sind diese Vorstellungen naheliegend, auch ökonomisch gesehen. Denn der Mensch wägt bei seinem Handeln stets Kosten und Nutzen ab. Wer wenig zu verlieren hat, ist eher bereit sein Leben zu geben, so die simple Logik. Und wer ungebildet ist, der ist verführbar, zum Beispiel indem er sich einreden lässt, dass er für seinen Tod im ewigen Leben reichlich belohnt werde. Aber die Logik des wirklichen Lebens ist offensichtlich weniger simpel.
Der Ökonomie-Professor Alan B. Krueger hat es bereits 2003 zusammen mit der Orientalistin Jitka Malečková im „Journal of Economic Perspectives“ nachgewiesen: Terroristen sind in der Regel besser ausgebildet und kommen aus wohlhabenderen Schichten als der Durchschnitt der Bevölkerung, so das Fazit ihres Artikels „Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?“.
Und der Ökonom Claude Berrebi wertete die Biographien von 285 palästinensischen Selbstmordattentätern aus. Mit dem gleichen Ergebnis: Die Männer hatten häufig eine Hochschule besucht und kamen aus Familien mit überdurchschnittlichem Einkommen.
Im australischen Adelaide führt die Flinders-Univeristät die nach eigenen Angaben weltweit umfangreichste Datenbank über Terrorismus. Zwischen 1981 und 2006 gab es demnach rund um den Globus 1200 Selbstmordattentate bei denen 14.599 Menschen ums Leben kamen. Die Auswertung der Daten ließen einen interessanten Rückschluss zu, meint der emeritierte Professor Riaz Hassan von der dortigen Hochschule: „Es sind weniger religiöse als vielmehr politische Motive, warum sich Terroristen in die Luft sprengen.“
Die Religion helfe bei der Rekrutierung potenzieller Attentäter, so der Soziologe, aber die Motivation für die Tat hätte letztlich andere Ursprünge. Neben politischen Motiven fühlten sich die Täter häufig gedemütigt und folgten dem Wunsch nach Rache und Vergeltung. Außerdem sei die Tat eine Form von Altruismus: “Selbstmordattentäter fallen in die Kategorie der altruistischen Selbstmorde, weil sie den Wert ihres eigenen Lebens geringer schätzen als die Ehre einer Gruppe, einer Religion oder anderer kollektiver Interessen”, so Riaz Hassan.
Falsch sei außerdem die Vorstellung, die Täter handelten nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte: “Der Grund für Selbstmordanschläge liegt nicht im Bereich individueller Pathologie als vielmehr in den sozialen Bedingungen.”
Vor allem die Demütigung sei ein starkes Motiv für Selbstmordanschläge. Hassan: „Der Mensch hat eine starke Abneigung gegen alles, was er als ungerecht empfindet.“ Dieses Gerechtigkeitsempfinden habe eine dunkle Gegenseite: die Rache. So sei es zum Beispiel zu einem rasanten Anstieg von Selbstmordattentaten im Irak gekommen, nachdem im Jahr 2004 Berichte über Folterungen von irakischen Gefangenen durch amerikanische Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib bekannt geworden waren.
Wenn aber Selbstmordattentäter nicht aus ärmlichen Verhältnissen kommen, hilft die Verbesserung des Lebensstandards, zum Beispiel durch Entwicklungshilfe, kaum. Wenn die Motivation der Attentäter, weniger dem religiösen Fundamentalismus entspringt, bringt eine Verurteilung und Bekämpfung dieser Anschauungen nichts, ist vielleicht sogar kontraproduktiv. Wenn aber weder wirtschaftlicher Fortschritt, noch politischer und militärischer Druck helfen, was dann? Wie muss eine Politik aussehen, die als oberstes Ziel hat, ihre Bevölkerung vor Anschlägen zu schützen? Es brauche Strategien zur Eliminierung solcher kollektiver Missstände, die zu Demütigungen und dem Wunsch nach Rache führten, ist Hassan überzeugt. Nur so könne den Selbstmordattentaten der Nährboden entzogen werden.
Loretta Napoloeoni beschreibt diesen Nährboden in ihrem Buch „Ökonomie des Terrors“. Sie füllt die Theorie mit Erlebtem. Napoloeoni erzählt wie hunderttausende Flüchtlinge aus Palästina im Süden Beiruts, in einer Barackenstadt, auf dem so genannten Elendshügel leben. Die ungepflasterten Straßen seien weder beschildert noch beleuchtet, ein Netz von Stromkabeln spanne sich über die unfertigen Häuser, heruntergekommenen Gebäude und gewundenen Gassen – eine Siedlung, die sich über 28 Kilometer erstrecke.
„In einem bescheidenen Häuschen sieht der vierjährige Mohammad mit seiner kleinen Schwester ein Video: Vor einer öden Landschaft ist eine Häuserreihe zu sehen – eine Momentaufnahme, die einen beliebigen Ort der Dritten Welt zeigen könnte. Plötzlich sieht man eine Explosion, die das ganze Bild füllt. Als wäre ein riesiger Feuerwerkskörper gezündet worden, schießen Flammen in die Höhe, Schutt und Stahlteile fliegen durch die Luft. Voller Erregung springt der Junge auf und ruft: ‚Mein Papa, mein Papa!‘”
Salah Ghandur, Mohammads Vater, war ein Selbstmordattentäter. Am 25. Mai 1995 griff er einen israelischen Konvoi an und jagte sich mit 450 Kilogramm Sprengstoff in die Luft; zwölf israelische Soldaten starben mit ihm. Der Sohn, die Frau, die ganze Familie ist stolz auf Salah Ghandur. In diesem tödlichen Konflikt, so Napoloeoni, sei der Märtyrertod das höchste moralische Ziel, das die Flüchtlinge erreichen könnten. Der Tod stelle die Würde wieder her, „die sie mit dem Land und der daran gebundenen politischen Identität verloren haben.“

Martenstein über die Schule (Linktipp 29)
Harald Martenstein sinniert vortrefflich über das deutsche Bildungssystem: http://bit.ly/8Nj5eu #Tagesspiegel

Linktipp 28
Mit Twitter wäre das nicht passiert: Der Technikvorsprung der Geheimdienste schwindet. http://j.mp/5sglmh #TheCuriousCapitalist
