Sind die Medien in der Krise, weil der Markt versagt?

11. November 2009

Er ist 78 Jahre alt und sieht in die Zukunft: „Die Zeiten des freien Internets werden bald vorbei sein“, hatte Rupert Murdoch im Frühjahr prognostiziert. Der mächtigste Verleger der Welt (Murdoch gehören über 100 Zeitungen) möchte selbst zur Erfüllung der Prognose beitragen: Die ersten Zeitungen seiner News Corporation kündigten vor wenigen Tagen Bezahlinhalte ab kommendes Frühjahr an. Dann sollen diese Inhalte auch nicht mehr über Google erreichbar sein, wie Murdoch außerdem diese Woche betonte.

In Deutschland ist Springer der erste. Der Verlag plant, iPhone-Nutzern ab Ende des Jahres die Webseiten von „Welt“ und „Bild“ zu sperren. Die Inhalte sollen auf dem Apple-Handy dann nur noch zu lesen sein, wer eine Software aufspielt, für die entweder einmalig bezahlt werden muss oder eine Abo-Gebühr fällig wird.

Die Verlage sind auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für ihr Wirtschaftsgut „Information“. Schon in der Printwelt war dieses Gut ein besonderes. Denn normalerweise bewertet der Kunde vor einem möglichen Kauf das Produkt. Er will prüfen, ob sich der Erwerb lohnt. Dafür aber muss er es begutachten. Bei der Betrachtung des Produkts „Information“ allerdings eignet man es sich bereits an. Der Kauf ist dann gar nicht mehr nötig.

Informationsanbieter versuchen dieses Dilemma (man nennt es das „Bewertungsparadox von Arrow“) mit zwei Strategien zu umgehen: Sie präsentieren zum einen kostenlose Informationshappen, die zum Kauf des Produkts anregen sollen, und versuchen zum anderen Reputation aufzubauen. Man greift dann am Kiosk zu seiner Lieblingszeitung, ohne einen Blick auf die Titelseite zu werfen, weil die Erfahrung lehrt, dass sich der Kauf lohnt.

In der Printwelt ließ sich das flüchtige Gut „Information“ halbwegs einfangen. Vor allem tagesaktuelle Publikationen hatten sozusagen eine stoffliche Exklusivitätstechnik fest eingebaut: Wer die ganze Story lesen wollte, musste in den Besitz der Zeitung kommen.

Das Internet verändert den Charakter des Gutes „Information“: Der Zugriff auf Informationen ist einfacher und umfangreicher geworden, die Trennung zwischen Anbietern von Information und Nachfragern wird unscharf, Information lässt sich leicht verändern, der Aufwand der Vervielfältigung tendiert gegen Null, Informationen lassen sich fast ohne Kosten über beliebige Entfernungen transportieren und im Unterschied zu Papier nutzt sich digitale Information nicht ab.

Die Folgen dieser Veränderungen sind vielfältig. Weil zum Beispiel alle Informationen für alle verfügbar sind, kommt es zum Informationsüberfluss. Anpassungsprozesse sind die Folge. Manche Angebote verschwinden, neue Ideen setzen sich durch. Schon immer war das Bessere der Feind des Guten.

Die aktuelle Krise der Medien aber wirft die Frage auf, ob das Medium Internet dazu beiträgt, dass das Informationsangebot stärker als gewollt reduziert wird, wobei „stärker als gewollt“ in einer Marktwirtschaft bedeutete, dass Umfang und Qualität des Angebots niedriger ist als die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager. Es entstünde dann ein Wohlfahrtsverlust: Obwohl ein besseres Angebot gewünscht und auch bezahlt würde, wird es nicht geliefert.

Ein solches potenzielles Marktversagen kann zwei Ursachen haben: Entweder wenn es sich bei dem Produkt „Information“ um ein so genanntes öffentliches Gut handelt oder der Markt zum natürlichen Monopol tendiert.

Ein natürliches Monopol kann sich dann bilden, wenn hohe Fixkosten anfallen und die Kosten zusätzlicher Produktion (Grenzkosten) gering sind. Da sich Fixkosten auf die gesamte Produktion verteilen, sinken die Stück-Kosten je mehr produziert wird. Am billigsten kann dann derjenige anbieten, der am meisten verkauft. Die Folge: Wer groß ist, wird noch größer.

Diese Entwicklung ist bei Informationsangeboten im Internet zu beobachten. Den Fixkosten der Informationserstellung (Personal für Redaktion, Computertechnik, Gebäude, Marketing) stehen Grenzkosten gegenüber, die gegen Null tendieren. Denn ein zusätzlicher User auf der Webseite des Informationsanbieters verursacht lediglich minimale Zusatzkosten (Serverkosten).

Allerdings: Gibt es kaum Hürden, um in einen Markt einzusteigen, geht es Monopolisten meist schnell an den Kragen. Die Konkurrenz macht dann mit frischen Ideen die Kostennachteile wett.

So scheint es auch gegenwärtig zu sein: Das umfangreiche Informationsangebot im Internet ist ein Indiz dafür, dass der Nachteil der Monopoltendenz durch die gefallenen Publikationshürden kompensiert wird.

Ist die Information im Internet aber vielleicht ein öffentliches Gut? Öffentliche Güter zeigen beim Konsum zwei Besonderheiten: Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit.

Nicht-Rivalität meint, dass ein Gut zur gleichen Zeit von vielen Personen verwendet werden kann, ohne dass die Nutzung des einen die Nutzung des anderen beeinträchtigt. Während ein Auto gleichzeitig nur von einem Fahrer gefahren werden kann (Rivalität), ist die Nutzung einer Webseite für viele gleichzeitig möglich (Nicht-Rivalität).

Nicht-Ausschließbarkeit heißt, dass es nicht möglich ist, Personen vom Konsum des Gutes auszuschließen. „Saubere Luft“ ist zum Beispiel ein solches öffentliches Gut, Informationen im Internet aber eben nicht.

Es ist technisch kein großes Problem, Informationen nur jenen zukommen zu lassen, die dafür bezahlen. Bei speziellen Fachinformationen wird das heute auch schon gemacht. Bei Nachrichten, die potentiell viele interessieren (Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur), aber schreckten die Medienunternehmen bisher vor Bezahlinhalten zurück. Denn den potenziellen Zusatzeinnahmen stehen Verluste der Werbeeinnahmen gegenüber, wenn weniger Nutzer auf die Seiten gelangen.

Ein Marktversagen für das Gut „Information“ liegt also nicht vor. Der Umbruch des Medienmarktes ist folglich ein natürlicher – die Suche nach neuen Geschäftsmodellen deswegen nicht weniger mühsam. Vielleicht werden sich Murdoch und Springer mit ihren Bezahlversuchen blutige Nasen holen. Versuch und Irrtum aber war schon immer die beste Methode, um auf dem Fortschrittspfad voran zu kommen.


Heiliger Krieg, ab ins Bett! – Wie Vornamen unser Leben beeinflussen

27. Oktober 2009

In Deutschland wäre ihnen manches erspart geblieben: Den Brüdern Winner und Loser zum Beispiel oder dem 15-jährigen Mädchen, das auf den Namen Temptress (deutsch: Verführerin) hört oder der Frau aus Milwaukee, die Marijuana Pepsi heißt.

In den USA sind die Eltern bei der Namenswahl völlig frei, in Deutschland dagegen gibt es Vorgaben: Der Name darf nicht lächerlich oder diskriminierend sein, und er muss zum Geschlecht passen.

Die Interpretation dieser Vorgaben obliegt hierzulande den örtlichen Standesämtern. Streitfälle landen vor Gericht. Die entscheiden zunehmend liberal: Erlaubt sind etwa Speedy, Lafayette, Jazz, November, Fanta; sogar Djehad darf eine Berliner Familie ihr Kind nennen, was übersetzt „Heiliger Krieg“ heißt.

Mehr als 10.000 Rufnamen sind heute im Umlauf hat die Gesellschaft für Deutsche Sprache ermittelt, vor 50 Jahren seien es noch etwa 1000 gewesen.

Wie sehr prägt der Vorname das eigene Leben? Kann er die Karriere fördern oder verbauen? Wie viel Verantwortung tragen die Eltern bei der Namenswahl? Sollten sie lieber einen gängigen Vornamen wählen oder einen ausgefallen?

Unser digitales Leben schätzt ausgefallene Namen: Sie sind in den unüberschaubaren Datenmengen des Internets schneller herauszufiltern. Wer im Internet wahrgenommen werden will, muss leicht auffindbar sein. Ein Allerweltsname wie Martin Müller ergibt bei Google 230.000 Treffer. Es ist nicht einfach, unter den Treffern den Martin Müller zu finden, den man sucht.

Und es suchen viele: 7 Prozent aller Eingaben bei Suchmaschinen sind angeblich Personen-Namen.

Wer dagegen bei der Namenswahl lieber dem Mainstream folgt, sollte aufpassen, dass die Ungleichheit bei den Bildungschancen nicht schon mit dem Eintrag des Vornamens beim Standesamtsregister beginnt. Denn Lehrer haben Vorurteile. Sie trauen Kindern mit deutschen Namen mehr zu.

Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie der Universität Oldenburg. Dabei wurden Grundschullehrer anonymisiert zu Namensvorlieben befragt. Als freundlich und leistungsstark gelten den Grundschullehrern Jungen mit den Namen Alexander, Maximilian, Simon, Lukas und Jakob. Positiv bewertete Mädchennamen sind Charlotte, Nele, Marie, Emma und Katharina.

Schlecht beurteilen die Pädagogen die Namen Chantal, Justin, Dennis, Marvin und Jaqueline. Am negativsten wird der Name Kevin bewertet: Mit diesem Namen assoziieren die Befragten Begriffe wie „verhaltensauffällig“ und „leistungsschwach“.

Aus der Studie geht allerdings nicht hervor, ob diese Assoziationen auch tatsächlich in den Schulalltag einfließen. Die Pädagogin Astrid Kaiser hält dies aber für realistisch:  „Die Namensfalle schnappt zu, sobald der Lehrer die Klassenliste in der Hand hält“, so die Professorin der Universität Oldenburg gegenüber Spiegel-Online.

Allerdings: Mir ist keine Studie bekannt, die tatsächlich unterschiedliche Entwicklungschancen aufgrund bestimmter Namen nachweist (Hier eine Studie, die explizit keinen Zusammenhang sieht). Auch bei den beiden Brüdern Winner und Loser aus dem New Yorker Stadtteil Harlem war der Name nicht Bestimmung: Loser, 1961 geboren, schloss erfolgreich das College ab und ging zur New Yorker Polizei; der drei Jahre ältere Bruder  Winner dagegen ist seit seiner frühen Jugend kriminell und wegen unterschiedlichster Delikte – unter anderem diverser Einbrüche – schon über 30 Mal verhaftet worden.


Warum Bier billiger als Wasser ist

26. Oktober 2009

Warum wird Bier in Kneipen häufig günstiger als Mineralwasser angeboten, obwohl die Produktionskosten deutlich höher sind?

Weil Biertrinker Vieltrinker sind. Zwar ist die Gewinnspanne pro Bier für den Kneipenbesitzer niedriger als bei Mineralwasser, aber Biertrinker trinken eben meist mehrere Bier und verschaffen so dem Kneipenbesitzer einen höheren Gewinn, als wer stundenlang an einem Mineralwasser nippt. Biertrinker sind also eine – mit niedrigen Preisen – umworbene attraktive Zielgruppe.

Diese und andere Fragen des alltäglichen Lebens beantwortet anschaulich das Blog Economics Help.


Mehr Kinderarbeit durch American Apparel und Co?

22. Oktober 2009

Die Versuche der reichen Industrieländer, Kinderarbeit zu bekämpfen, sind kontraproduktiv. Das ist das Fazit eines Aufsatzes der Wissenschaftler Matthias Doepke und Fabrizia Zilibotti.

Die beiden Ökonomen argumentieren dabei nicht mit der bekannten These, wonach Boykotte und Handelsrestriktionen die Einnahmen der Entwicklungsländer schmälern und die dadurch vergrößerte Armut die Kinderarbeit zunehmen lasse (diese These wird unter anderem hier vertreten).

Doepke und Zilibotti sind der Meinung, dass es in einem Entwicklungsland nur dann zur Reduzierung von Kinderarbeit komme, wenn der Reformdruck im Land selbst vorhanden sei. Das bedeute aber auch, dass Boykotte und Restriktionen von außen nur dann die Kinderarbeit verringern könnten, wenn sie diesen Reformdruck steigerten.

The key question therefore is: does international pressure on developing countries through trade sanctions or consumer boycotts make it more, or less, likely that these countries adopt comprehensive child-labour regulations on their own?

Nach den Untersuchungen Doepkes und Zilibottis lässt der Druck von außen aber nicht den Reformdruck im Inland zunehmen, vielmehr reduziert er ihn.

We find that external pressure tends to lower domestic support for child-labour regulation and may contribute to the persistence of the child labour problem in developing countries.

Warum das so sei, beschreiben die Ökonomen anhand der Industrialisierung Europas. Vor allem dank der Gewerkschaften sei es damals zur Abschaffung der Kinderarbeit gekommen. Dort seien vor allem arme und wenig gebildete Arbeiter organisiert gewesen. Für die seien arbeitende Kinder schlicht Konkurrenten gewesen.

Die Gewerkschaftsmitglieder wussten: Durch die Einführung eines Verbotes von Kinderarbeit steigen ihre eigenen Verdienstmöglichkeiten. In erster Linie deshalb hätten sich die Gewerkschaften damals für ein Verbot eingesetzt.

The most important group pressuring for reform in these countries were labour unions representing unskilled workers. These workers were competing with children in the labour market and expected their wages to rise if child labour was outlawed.

….

It was this direct competition between adult workers and children that motivated unions to oppose child labour.

Eine solche Konkurrenzsituation zwischen Erwachsenen und Kinderarbeitern, so die Wissenschaftler weiter, sei auch heute notwendig, damit der Druck auf die Regierung steige, Kinderarbeit zu verbieten und etwa die Schulpflicht einzuführen. Effektive Handelssanktionen führten aber dazu, dass Kinder nicht mehr in der Exportindustrie eingesetzt würden, sondern verstärkt dort, wo die Konkurrenzsituation weniger groß sei, nämlich zum Beispiel in der familiären Landwirtschaft. Der Reformdruck würde folglich nachlassen.

We are critical of interventions that work through restricting trade. Such policies have the potential to displace working children into informal employment, with negative repercussions for the prospects for future political reform.

Um die Zahl der weltweit 218 Millionen Kinderarbeiter zu verringern, plädieren Doepke und Zilibotti für mehr Anreize und weniger Verbote. So sei es zum Beispiel sinnvoll, jene Familien finanziell zu belohnen, die ihre Kinder in die Schule schickten.

Hilfreich sei außerdem eine Politik, welche die Geburtenrate senke. Familien mit vielen Kindern seien in einem Teufelskreis gefangen, weil es nicht reiche, wenn nur der Vater oder die Mutter Geld verdienten – auch die Kinder müssten in solchen Familien zum Haushaltseinkommen beitragen.

——

Matthias Doepke und Fabrizio Zilibotti: Child labour: Is international activism the solution or the problem?


Ein Nobelpreis für mehr Fische – Die Ideen von Elinor Ostrom könnten die Fischbestände der Weltmeere retten

21. Oktober 2009

Die Verwässerung der Vernunft erfolgt regelmäßig in drei Schritten. Am Anfang steht die Empfehlung des ICES, dem internationalen Rat für Meeresforschung. Der beobachtet weltweit 110 Fischarten und gibt Empfehlungen über Fangquoten. Der Maßstab des ICES: Dem Meer nicht mehr entnehmen als nachwachsen kann.

Die Europäische Kommission orientiert sich am Rat und empfiehlt ihrerseits Quoten. Allerdings liegen ihre jährlichen Vorgaben für die EU-Gewässer meistens höher als die des ICES.

Am Ende entscheidet aber nicht die Kommission, sondern die EU-Fischereiminister. Beeinflusst von den Interessen der Fischindustrie geben die in aller Regel nochmals ein paar Prozentpunkte hinzu.

So war es auch Anfang dieser Woche wieder gewesen. In der Nacht zum Dienstag beschlossen die Minister in Luxemburg, die erlaubte Fangmenge für Heringe in der westlichen Ostsee um 16,5 Prozent zu senken, da die Bestände in den vergangenen Jahren stark geschrumpft waren. Die EU-Kommission hatte einen Rückgang der Fangquote um 21 Prozent vorgeschlagen.

Die Europäische Union wird deshalb vermutlich Negativ-Rekordhalter bleiben: Nach Angaben der Umweltstiftung World Wide Fund For Nature (WWF) sind 88 Prozent der Fischbestände in der EU überfischt. Nirgendwo sonst auf der Welt würden die Meere derart stark übernutzt.

Zu hohe Fangquoten aber sind nicht das einzige Problem. Illegale Fangmethoden, zum Beispiel zu engmaschige Netze, sind ein weiteres. Außerdem: Die EU-Quotenregelung legt lediglich fest, wie viel Fisch die Fischer verkaufen, nicht aber wie viel sie fangen dürfen.

So darf zum Beispiel jedes Jahr nur eine bestimmte Menge Schollen und Kabeljau gefischt werden. Ist die Quote für den Kabeljau ausgeschöpft, die für die Scholle aber noch nicht, kann der Fischer nur die Schollen verkaufen. Was sonst ins Netz geht, fliegt wieder über Bord, also auch der Kabeljau. Der aber ist dann meist schon tot. Die Konsequenz: Die Quote wird zwar eingehalten, dem Kabeljau-Bestand aber ist nicht geholfen.

Die Überfischung der Meere ist in der Ökonomie als Allmende-Dilemma bekannt. Allmenden wurden einst Dorfweiden genannt, auf die jeder Bauer sein Vieh treiben durfte. Weil alle befürchteten, die anderen könnten dieses Gemeineigentum stärker nutzen als sie selbst, schickte jeder mehr Rinder auf die Weide als diese ernähren konnte. Die Folge: Die Allmenden waren regelmäßig abgegrast, neues Grün wuchs nicht nach. Am Ende standen alle schlechter da.

Auf den Weltmeeren besteht das Problem analog: Zwar ist jedem Fischerei-Unternehmen bewusst, dass es durch Überfischung langfristig seine Geschäftsgrundlage riskiert. Trotzdem handelt das Unternehmen rational, wenn es mit möglichst vielen Booten aufs Meer fährt. Denn was es nicht im Netz hat, holt sich die Konkurrenz.

Die Lösung der Probleme wird traditionell in staatlichen oder – etwa im Fall der Weltmeere – in überstaatlichen Regelungen gesehen. Fangquoten sollen dafür sorgen, dass Fischarten nicht ausgerottet werden.

Allerdings herrscht in der Wissenschaft keine Einigkeit darüber, wie das Allmende-Dilemma überwunden werden kann. Zwei Denkrichtungen treffen aufeinander: Die einen sehen das Allmende-Dilemma als Beispiel dafür, dass der Markt alleine nicht alle Verteilungsprobleme lösen kann; andere glauben, dass staatliche Eingriffe die Probleme nur verschärfen (ein interessantes Plädoyer „pro staatliche Abstinenz“ findet sich hier).

In der Mitte steht Elinor Ostrom. Die US-Forscherin hat den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis deshalb erhalten, weil sie der Frage nachgeht, welcher Regeln es bedarf, damit negative Allemde-Folgen nicht auftreten, dass es also nicht zur Übernutzung von Ressourcen und somit zur Selbstschädigung kommt.

Ostrom zeigt in ihrem bekanntesten Werk „Governing the Commons“, dass Almbauern und Fischer durchaus in der Lage sind, die Verwertung ihrer Ressourcen ohne staatliche Auflagen und Eingriffe selbst zu regulieren und zwar auf Basis freiwilliger Zusammenarbeit und Kontrolle. Ihr Fazit ist, dass die Lösung des Problems weder alleine im Markt, noch im Staat zu finden ist.

Nach Ostrom wäre es demnach besser, den Fischern weniger bürokratische Vorgaben zu diktieren (angeblich hat jeder EU-Fischer 2000 Regeln einzuhalten), sie stärker bei der Erstellung von Vorgaben einzubeziehen, die Anreize der Regeleinhaltung zu erhöhen und Fehlverhalten zu sanktionieren.

Die Kamera-Idee des dänischen Fischereiministeriums könnte ein solcher Ansatz sein. Freiwillig können Fischer ihre Kutter mit einem Überwachungssystem ausstatten lassen. Dieses kontrolliert, ob bei Fischfang auf hoher See auch alle Vorschriften eingehalten werden. Zur Belohnung für die Zulassung der Kontrolle dürfen diese Schiffe 50 Prozent mehr Fisch fangen.

Mehr solcher Ideen braucht es, um die Zukunft der Fischbestände zu sichern – und um die Preisentwicklung an der Fischtheke umzukehren: Während im vergangenen Monat die Kosten für Nahrungsmittel um durchschnittlich 3 Prozent im Vergleich zu Vorjahresmonat sanken, stieg der Preis für Fisch um 4,1 Prozent.

——–

Lesenswert: Wer mehr über Gemeinschaftsgüter erfahren will, findet auf dem Commonsblog von Silke Helfrich Fundstücke und Gedanken über alte und neue Allmende, und auch einiges über die Ideen von Elinor Ostrom.

Dieser Text erscheint auch im Südkurier.


Keine Toilette, keine Braut!

17. Oktober 2009

Die hohe Abtreibungsrate weiblicher Föten in Indien kommt den Männern dort offensichtlich zunehmend teuer zu stehen.

Emily Wax schreibt in der Washington Post über das nach China bevölkerungsreichste Land der Welt:

A societal preference for boys here has become an unlikely source of power for Indian women. The abortion of female fetuses in favor of sons — an illegal but widespread practice — means there are more eligible bachelors than potential brides, allowing women and their parents to be more selective when arranging a match.

Bekanntlich kosten Mädchen in Indien viel Geld. Bei einer Hochzeit müssen die Braut-Eltern hohe Summen an die Eltern des Bräutigams zahlen. Unter anderem deswegen sind Jungs erwünschter – und diesem Wunsch wird nachgeholfen.

Die Bevorzugung des männlichen Geschlechts wirkt sich für selbiges ab der Pubertät aber nachteilig aus. Dann nämlich spätestens fällt der Überschuss auf. Die Nachfrage an Frauen übersteigt das Angebot. Und was in einem solchen Fall auf allen Märkten passiert, geschieht auch auf dem Beziehungsmarkt: Der Preis steigt.

Die Frauen gelangen in eine bessere Position. Sie (beziehungsweise ihre Eltern) können unter mehr Männern wählen – und mehr fordern. Dieser Effekt ist offensichtlich im heutigen Indien zu beobachten.

Wax beschreibt die Entwicklung anhand einer erfolgreichen nationalen Kampagne mit dem Titel „No toilet, no bride“. 665 Millionen Inder (die Hälfte der Bevölkerung) hätten keine Toilette im Haus. Sie benutzten öffentliche oder gar keine Toiletten. Die Folge: Durchfall, Typhus und Malaria seien weit verbreitet.

Frühere Versuche, den Bau von Toiletten in ärmeren Gebieten voran zu bringen, seien weitgehend gescheitert, schreibt Wax. Die Verbreitung der Kampagne „No toilet, no bride“ dagegen, zu der auch teilweise eine finanzielle Bezuschussung von Baumaßnahmen gehöre, sei ein voller Erfolg. Die Kampagne hätte dazu beigetragen, dass ein Junggeselle heute deutlich schlechtere Chancen habe, eine Ehefrau zu finden, wenn seine Wohnung nicht über ein Bad verfüge.

Wax nennt noch einen weiteren Grund, warum Frauen in Indien fordernder würden: Satelliten-Fernsehen und Internet. Sie brächten das sich wandelnde Gesellschaftsbild auch in die ärmeren ländlichen Teile Indiens:

Satellite television and the Internet are spreading images of rising prosperity and urban middle-class accouterments to rural areas, such as spacious apartments — with bathrooms — and women in silk saris rushing off to the office.

Hinzu käme außerdem, dass die Frauen immer später heiraten und finanziell unabhängiger würden, weil das Bildungsniveau der Frauen steige. Noch nie gingen so viele Mädchen in Indien in die Schule wie heute.

Übrigens: Dass das Satelliten-Fernsehen in Indien das Selbstbewusstsein der Frauen fördert, ist auch Fazit einer NBER-Studie.


Lesetipp: Kneift die FDP?

15. Oktober 2009

Warum gibt es eigentlich in Deutschland keine Partei, die sich nachhaltig für mehr Freiheitsrechte einsetzt? Für die Kapitalismus kein Schimpfwort ist, sondern ein wesentlicher Teil der Freiheitsrechte, nämlich auf Produktions- und Kaufentscheidungen bezogen?

Die FDP?

Wohl nicht. Rainer Hank erklärt im Artikel „Kneift die FDP?“ auf dem Blog „Wirtschaftliche Freiheit“ anschaulich, was der Unterschied zwischen einer Wirtschafts- und einer Marktpartei ist. Erste kümmere sich um die Interessen einzelner Gruppen, also zum Beispiel von Unternehmern oder Menschen mit höheren Einkommen. Eine Marktpartei dagegen „plädiert nicht nur für freies Unternehmertum, sondern auch für Regeln und Politiken des freien Marktzugangs und für ein ‘Level playing field’, das eine faire Wettbewerbsordnung begründet.“

Die Politik einer Marktpartei steht also im Widerspruch zur Politik einer Wirtschaftspartei. Sie protegiert nicht einzelne Gruppen, sondern schafft gleiche Voraussetzungen. Der Nachteil: Es fehlt ihr an Unterstützung. „True capitalism lacks a strong lobby”, schreibt Luigi Zingales in dem lesenswerten Aufsatz „Capitalism after the Crisis“ im Politikmagazin “National Affairs”.

Dies erklärt auch, warum eine Marktpartei vermutlich wenige Anhänger hätte. Weil eine solche Partei die Interessen vor allem von jenen vertritt, die noch gar nicht wissen, dass es ihre Interessen sind. Denn es sind die Interessen von Unternehmen und ihrer Arbeitsplätze, die erst in der Zukunft entstehen werden, weil sie Zugang zum Markt erhalten.

Man kann also verstehen, warum die FPD eine Wirtschaftspartei und keine Marktpartei ist. Warum man von ihr kaum Widerspruch gegen die Gesetzesprivilegien der Apotheker hört. Warum es kein Vorstoß gibt, den Protektionismus der Kammern abzuschaffen. Es bringt ihr schlicht mehr Wählerstimmen eine Lobbypartei zu sein. Aber meine Stimme bekommt sie so nicht.

——–

Verfolgenswert: FDP-Watch – Ein Blog, das versucht, „den Parteiliberalen ein Korrektiv zur Seite zu stellen, wenn Sie mal vergessen, was es bedeutet, liberal zu sein.“